Die historische Erzählung der Gedenkstätte Lützen kreist bis heute um Gustav II. Adolf: Glaubenskrieger, Befreiungskämpfer, Held der Protestantischen Kirche, König, Mensch, Mythos. Ein additives, über mehrere Jahrhunderte entstehendes Denkmal setzen ihm ein Stein, ein Baldachin, ein Park und eine Kapelle. Präsenz haben hier vor allem Gott und der Einzelkämpfer, der an diesem Ort in Sachsen-Anhalt sein Leben für seinen Glauben geopfert haben soll: in Symbolen, Schriftzügen und Reliefs. Kaum zu spüren hingegen sind die Tausenden Soldaten, die in der blutigen Schlacht bei Lützen fielen. So erscheint die dreißigjährige Rangelei um die politische Vormachtstellung im Europa des 17. Jahrhunderts in erster Linie als ein ehrenwerter Krieg um den richtigen Glauben. So wird das Großgemetzel von 1632 sinnbildlich auf das Schicksal eines mächtigen Einzelnen reduziert.

Nun soll und sollte an diesem geschichtsträchtigen Ort weiter und mehr gedacht, mehr reflektiert werden als über den Protestantismus und den heldenhaften Einzelnen: nämlich über die hier noch nicht erzählte, bislang unter der Erde liegende Seite der Schlacht bei Lützen. Um diesen Aspekt, der bislang vorwiegend im Schloss-Museum behandelt wurde, wird das bestehende Denkmal erweitert. Dabei wird es für die Fragen unserer Zeit aktiviert, einer Zeit, in der verstärkt politisch-ökonomische Konflikte im Namen des Glaubens grausam und global ausgefochten werden, einer Epoche, in der uns das Phänomen Massengrab allzu vertraut bleibt. Im Mittelpunkt der Denkmalerweiterung stehen die 47 ineinander verwobenen Skelette, die als Block geborgen, freigelegt, auf- und im Landesmuseum Sachsen-Anhalt bereits ausgestellt wurden.

Exemplarisch stehen diese für die unzähligen Kriegsleichen, die ohne Kleidung und ohne Namen, ohne sichtbare Glaubensrichtung oder politische Überzeugung in aufgeschichteten Massengräbern in und um die Stadt herum bestattet wurden. Vor Augen führen die Knochen zudem die morbide Arbeit der Bürger, die auf dem mit Fleisch und Knochen gepflasterten Schlachtfeld die Toten begraben haben – und die unterirdischen Spuren der Gewalt, auf der unsere vermeintliche Zivilisation zu einem beträchtlichen Teil fußt.

Kurzum: Der Block des Massengrabes ist der Schatten, das Gespenst der in der Gustav-Adolf-Kapelle verkörperten Erzählung: Wie ein Double gehört der Block zu ihr. Er stellt sie zur Diskussion und fördert ihre Brüche wie ihre Widersprüche zutage.

Kunde
Stadt Lützen
Zeitraum
2017
Budget
2.1 mio €
Leistungen
geladener Wettbewerb